Erwachsenen-Alphabetisierung in Yangri


Ein neues Projekt mit langjährigem Hintergrund

Mut und Grösse beweisen diese Frauen in Yangri – obwohl die Erstklässler ihnen voraus sind, stellen sie sich der Herausforderung und lernen lesen und schreiben

Mut und Grösse beweisen diese Frauen in Yangri – obwohl die Erstklässler ihnen voraus sind, stellen sie sich der Herausforderung und lernen lesen und schreiben

Abgesehen von den Schäden und Narben des Erdbebens vom 2015 ist Yangri in mancherlei Hinsicht eine typische ländliche Talschaft in Nepal. Die Menschen leben in einfachsten Verhältnissen vom Eigenanbau in Kleinst-Landwirtschafts-Betrieben, mit viel zu steilen, zu steinigen und zu kleinen Feldern. Mit ganz wenigen Ausnahmen verfügt die erwachsene Bevölkerung über keinerlei Schulbildung. Alkohol ist ein gewaltiger Faktor, der viel Unheil anrichtet in den rund 500 Haushalten im Tal. Der Löwenanteil der Verantwortung und Arbeitslast für die Familie lastet auf den Frauen, die generell nicht viel zu sagen haben.

Auf diesem Hintergrund ist die jetzt stattfindende Transformation im Yangrital schlicht überwältigend. Natürlich findet die Veränderung in erster Linie in der Himalayan-Life-Schule statt; Bildung ist ein gewaltiger Motor für Entwicklung. Dann zieht die Schule Kreise in die Familien. Nach nicht einmal einem Jahr Schulbetrieb sehen wir bereits positive Entwicklungen in den Familien. Das freut uns sehr.

Am erstaunlichsten ist vielleicht die Erwachsenen-Alphabetisierungsklasse, die jeden Tag um 18.00 stattfindet. 20 Frauen vom Dorf haben sich in diesen ersten sechsmonatigen Kurs eingetragen. Sie kommen täglich mit viel Elan und Freude (und manchmal auch Frust) zur Klasse. Die jüngste Teilnehmerin ist 16, und Ibi, die Älteste, ist 78. Alle kommen sie bewaffnet mit ihrer Umhängetasche mit dem Buch, Heft, und Schreibern. Lila, die hauptamtlich das Schülerheim der Schule in Yangri leitet, organisiert und unterrichtet die Klasse.

Lila (ganz rechts im Bild) am Unterrichten

Lila (ganz rechts im Bild) am Unterrichten

Ich habe mich bei Lila für einen Besuch in der Alphabetisierungsklasse angemeldet. Erste Überrschung: ALLE Teilnehmerinnen sind punkt 18.00 Uhr da – das gibt’s ja nicht in Nepal! Die Atmosphäre ist fröhlich, und gleichzeitig fällt der pure Eifer und die Lernwilligkeit der Teilnehmerinnen auf. Sie sind daran, die Buchstaben des Nepali-Alphabets zu lernen, um bereits mit wenigen Buchstaben einfache Wörter und Sätze zu bilden, die alle einen Bezug zu ihrem Alltag haben. Das Lehrmittel wurde vor einigen Jahren von unserer lieben Freundin Renate entwickelt, und ich freue mich natürlich darüber, dass hier ihre Legacy weiterlebt.

Am Schluss wollen alle, dass ich eine Rede halte, was ich natürlich gerne tue. Vor allem gratuliere ich ihnen zu ihrem Mut und ihrer Grösse: Sich der Tatsache zu stellen, dass die Erstklässler in der Schule bereits einen Vorsprung auf sie haben ist keine kleine Sache. Eine der Frauen erzählt, wie ihr Mann zuerst gar nicht happy war, dass sie jetzt zur Erwachsenenschule ginge. Anfangs musste sie ihre drei Kinder mit zur Klasse bringen, aber mittlerweile habe er seine Meinung geändert, und jetzt schaut er nach den Kindern, damit sie unbeschwert gehen kann...

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20 Frauen treffen sich täglich zum Unterricht – die jüngste ist 16, die älteste 78.

20 Frauen treffen sich täglich zum Unterricht – die jüngste ist 16, die älteste 78.

Für Lila öffnet die Klasse Türen zur Dorfbevölkerung. Was wir schon lange vermutet haben, ist leider wahr: Das Leiden in den Familien mit Alkoholproblemen ist gross. Die emotionale Verwahrlosung ist enorm. Deshalb hat Lila jetzt ihre Teilzeit-Mitarbeit im Kindergarten abgebrochen und betreut nebst ihrer Leitungstätigkeit im Internatsbetrieb Familien im Dorf.

Peter Schaeublin2019